Berliner Zeitung - Alemania
RALF SCHENK über Kinobilder aus Kolumbien und ein verlorenes Liebespaar aus Kirgisistan
Welche Kinobilder prägen unser Wissen von Kolumbien? Wenn überhaupt, sind das Szenen aus den Elendsvierteln von Bogota und Medellín, krasse Legenden von sozialer Not, die ein junges Mädchen zur Drogenkurierin werden lässt ("Maria voll der Gnade", 2003) oder einen naiven deutschen Arzt zwischen alle Fronten katapultiert ("Dr. Aléman", 2007). So reduziert sich Kolumbien in unserem Bewusstsein oft auf Machtkämpfe der Drogenkartelle und den nicht weniger blutigen Bürgerkrieg zwischen dem Staat und der Guerillaorganisation FARC.
Aber Kolumbien ist viel mehr: ein paradiesisch schönes, traditionsreiches Land, das mit Gabriel García Marquez und Fernando Botero zwei Jahrhundertkünstler hervorbrachte und auch im Kino viel zu erzählen hat. Seit dem 2003 verabschiedeten Filmgesetz, das der nationalen Kinoindustrie staatliche Unterstützung garantiert, stieg die Zahl der produzierten Spielfilme auf zehn bis zwölf jährlich. Das einheimische Publikum interessiert sich zunehmend; manche Arbeiten schaffen den Sprung auf internationale Festivals oder in die Spielpläne anderer Länder. Einen Überblick über aktuelle Tendenzen des kolumbianischen Kinos gibt eine Filmreihe, die sieben Produktionen umfasst und am Sonntag mit Unterstützung des Instituto Cervantes und der kolumbianischen Botschaft startet.
Erzählerische Vielfalt, allegorische Motive, absurde und surreale Momente rücken die Filme mitunter in die Nähe der Romane von Marquez; hier wie dort durchdringen Träume und Albträume die Realität, werden Geister der Vergangenheit wach und mischen in der Gegenwart kräftig mit. In Oscar Campo Hurtados "Yo soy otro" (2008) vervielfacht sich der Körper eines von einem geheimnisvollen Virus befallenen Mannes von dem Moment an, an dem er Selbstmord begehen will. Camila Loboguerrero siedelt ihre Gesellschaftsparabel "Nochebuena" (2008) am Heiligabend an: In der Familie eines herrschsüchtigen Politikers, in der Betrug und Selbstbetrug dominieren, versagt plötzlich das Abwassersystem und spült den Unrat im direkten wie übertragenen Sinn nach oben. Ciro Guerras "Los viejaes del viento" (2009), der die Filmreihe eröffnet, nimmt die Zuschauer mit auf die poetische Reise eines alten Akkordeonspielers durch den kolumbianischen Norden: eine Gleichnis über die Kraft der Kunst, die von jeder Generation neu erobert werden muss.
In ferne Welten nimmt uns auch das Lichtblick-Kino mit, das diese Woche einen schwedischen Film mit kirgisischen Hauptfiguren vorstellt: "Long Distance Calling" (2009), die Liebesgeschichte zwischen dem 18-jährigen Alisher und seiner Frau Dildora. Kurz nach der Hochzeit, und gleich nachdem er erfahren hat, dass er Vater wird, muss sich Alisher als Gastarbeiter in Russland verdingen. Zu Hause gibt es weder Lohn noch Brot; dem Jungen bleibt nichts, als seine Frau zurückzulassen. Der dokumentarische Film beobachtet beide über ein Jahr, zeigt Alishers unwürdige Arbeitsbedingungen in Moskau, während Dildora zu Hause fast verzweifelt. Beide wirken wie Kinder, die an die Hand genommen werden müssten und doch auf sich gestellt sind; nur die knappen Telefonate mildern ihre Einsamkeit für Sekunden.
Dann erfährt Alisher, dass die Arbeitsvermittlung ihn betrog, die Stempel auf seinen Papieren ungültig sind. Er kehrt nach Hause zurück, sitzt in der Kneipe. Plötzlich schwenkt die Kamera weg von ihm auf einen Mann, der mit seinem Akkordeon durch die Gaststätte streift, um Geld bittet, mit einem kleinen Jungen am Arm. Armut hat viele Gesichter.