Klaus von Muralt -Der Bund (Suiza)
Das Land ist so gross wie Frankreich und die Iberische Halbinsel zusammen – und bei guter Planung ein Reiseparadies
Kolumbien wird oft mit Guerillas, Entführungen, Drogenhandel und Kriminalität in Verbindung gebracht. Doch Kolumbien ist weit mehr: ein Land voller naturbelassener Schönheiten und kultureller Vielfalt mit lebensfrohen Menschen, die verrückt sind nach Musik und Tanz.
Ein alter Dodge Swinger kreuzt mein Taxi auf dem Weg von Bogotás Flughafen ins Stadtzentrum. Die ursprünglich dunkelblaue Karosserie ist von der Sonne gebleicht; Motorhaube, Dach und Türen sind von verschiedener Farbtönung und offensichtlich im Laufe der Zeit ersetzt worden. Einer der Scheibenwischer ist auf halber Höhe abgebrochen und sticht nach vorne wie eine zum Kampf gezückte Lanze.
Ich blicke dem Gefährt im Rückspiegel hinterher und sehe es um eine Ecke verschwinden. Das Trottoir zu meiner Rechten ist überfüllt von Menschen. Dahinter zeichnet sich ein weisses Herrenhaus im spanischen Kolonialstil ab. Nein, dies ist nicht Kuba, dies ist Kolumbien, und ich bin mittendrin.
Wo beginnen in einem Land, das flächenmässig so gross ist wie Frankreich und die Iberische Halbinsel zusammen? Einem Land, das karibische Strände, tropische Regenwälder, feuchte Sumpflandschaften, schneebedeckte Andengipfel und pulsierende Millionenstädte wie Bogotá, Medellín, Cali und Barranquilla aufweist? Einem Land, dessen Gebiet zu mehr als einem Drittel von linken Guerillagruppen wie den Farc und dem ELN sowie rechten Paramilitärs kontrolliert wird?
Man ist gut bedient, seine Reiseroute wohlbedacht auszuwählen. Das Amazonasterritorium im Osten des Landes ist tabu für Touristen, ebenso die Provinz Choco südlich der panamaischen Grenze sowie die Provinz Putumayo nördlich der ecuadorianischen Grenze.
Die restlichen Landesteile jedoch sind weitgehend sicher, nicht zuletzt aufgrund der offensiven Politik des seit 2002 wirkenden konservativen Präsidenten Álvaro Uribe, der eine breitflächige Präsenz des nationalen Heeres als Voraussetzung für die Bekämpfung der Kriminalität, die Schaffung von politischer Stabilität und wirtschaftlichem Wachstum erkannt hat.
Sein Plan scheint aufzugehen; die Sicherheitslage hat sich markant verbessert, das Land wird zunehmend interessant für Tourismus und Investitionen, und Uribes Zustimmungsrate in der Bevölkerung liegt bei über 80 Prozent.
Ich entscheide mich, von Bogotá aus Richtung Norden an die Karibikküste zu reisen. Da die acht Millionen Einwohner zählende Hauptstadt auf über 2600 Metern im Herzen Kolumbiens liegt, stehen mir rund 1000 Kilometer Landstrasse bevor. Villa de Leyva ist mein erster Zwischenhalt.
Unvermittelt stechen mir weiss gewaschene Häuser und kopfsteingepflasterte Strassen ins Auge. In der nahen Umgebung befindet sich «El fósil», ein 115 Millionen Jahre alter, versteinerter und fast vollständig erhaltener Kronosaurier aus der Zeit, als weite Teile Kolumbiens von Meer bedeckt waren.
Weiter geht die Reise nach Bucaramanga, dem Hauptort der Provinz Santander. Kurz vor Erreichen der Stadt durchfährt der Bus den Chicamocha Canyon, eine gewaltige, vom gleichnamigen Fluss geschaffene Schlucht, die in ihrer atemberaubenden Weite und Tiefe Erinnerungen an den Grand Canyon weckt.
Bucaramanga selbst ist voller Farben und sprüht vor Leben, das Stadtzentrum ist ein Markt, begleitet von einer einzigartigen Geräuschkulisse. Grüngelb gestrichene Busse aus den 1960er-Jahren und regenbogenfarbene Sonnendächer zieren das Bild, welches von den umliegenden roten Felsen noch zusätzlich verschönert wird.
Nicht umsonst wird die Stadt «Ciudad bonita» genannt, denn auch das Klima präsentiert sich angenehm warm. Meilenweit bin ich der einzige Tourist, und so durchdringt mich umso stärker das Gefühl, dem wahren Kolumbien ein wenig auf die Spur zu kommen.
Der Vallenato – ein in dieser Region äusserst beliebter Musikstil – dröhnt mir auf der Fahrt nach Mompós erbarmungslos ins Ohr. Das auf halber Strecke zwischen Bucaramanga und Cartagena de Indias gelegene Kolonialdorf ist umgeben von Sumpflandschaft und Seitenarmen des Río Magdalena, Kolumbiens grösstem Strom.
Mompós ist die Reise wert: In der Zeit um einige Jahrzehnte – wenn nicht Jahrhunderte – zurückversetzt, erhole ich mich auf einem der vielen im Schatten herumstehenden Schaukelstühle und trinke einen frischen Maracujasaft.
In Cartagena de Indias erwartet mich eine mit malerischen Kolonialbauten, blumengeschmückten Balkonen und bunten Kirchen bestückte Altstadt. Umringt wird das zum Unesco-Weltkulturerbe zählende städtebauliche Juwel von nahezu 500-jährigen Festungsmauern. Unlängst ist Cartagena de Indias zu Kolumbiens Touristenmetropole Nummer eins avanciert; Reisende aus allen Herren Ländern tummeln sich hier. An Tagen, an denen amerikanische Kreuzfahrtschiffe im Hafen anlegen und ihre Passagiere auf die Stadt loslassen, tut man gut daran, einen Ausflug zum nahe gelegenen Archipel der Islas del Rosario zu unternehmen.
Der windigen Meeresküste entlang reise ich weiter gegen Osten. Das Thermometer hat unterdessen die 30-Grad-Marke überschritten. Wieder schallt mir der Vallenato entgegen. In Barranquilla, am alljährlichen Karneval, ist hingegen eine andere populäre Musikrichtung Königin: die Cumbia. Während vier Tagen feiert Barranquilla den Karneval, die Musik, den Tanz und das Leben, so als ob es keine restlichen 361 Tage im Jahr gäbe.
Die Kostüme sind eine Augenweide, erscheinen in allen möglichen Farbkombinationen und werden getragen von Tänzerinnen und Tänzern, deren Körper ein Dutzend Gelenke mehr zu besitzen scheinen als jene normaler Europäer.
In der Umgebung von Santa Marta verändert sich die Vegetation schlagartig; Graswüste und Kakteen prägen nun die Landschaft. Noch etwas weiter östlich erhebt sich abrupt das Küstengebirge der Sierra Nevada, dessen höchster Gipfel 5775 Meter über Meer aufragt. An seinen Ausläufern befindet sich der Tayrona-Nationalpark, ein von tropischem Regenwald bewachsener Küstenstreifen, gesegnet mit weissen Palmenstränden und durchzogen von gigantischen Felsbrocken.
Als ich nachts aufwache, erhebt sich der Vollmond aus dem Meer und taucht den Ort in sein Licht. Ich habe das Gefühl, am Ende der Welt angelangt zu sein. Da es schöner nicht mehr werden kann, ist dies meine letzte Station am karibischen Meer, und die Fahrt geht zurück nach Bogotá.
Ein zweites Mal lasse ich Bogotá hinter mir und mache mich auf den Weg zur «Zona cafetera», Kolumbiens grösster Kaffeeanbauregion. Die Landschaft ist so grün und fruchtbar, dass ich Heimweh bekomme. In der Tat scheint die ganze Region eine exotische Version der Voralpen zu sein. Nur die Vögel sind farbiger, die Vegetation ist üppiger.
In Cali, der im «Valle del Cauca» gelegenen, zwischen der westlichen und mittleren Kordillerenkette eingebetteten Zweimillionenstadt, habe ich den südlichsten Punkt meiner Reise erreicht. Wie nirgends sonst in Kolumbien gilt hier die Pflicht zur Salsa. Wer über genügend Energiereserven verfügt, kann sich die Nächte im Stadtteil Juanchito problemlos ohne Unterbruch um die Ohren tanzen.
Vieles bliebe zu sehen. Zum Beispiel Medellín, die Stadt des ewigen Frühlings, die sagenumwobenen indianischen Ruinen von San Agustín oder die Pazifikküste. Doch für alles reicht die Zeit nicht. Vieles bleibt auch noch zu tun für Kolumbien, um den Kampf gegen die Armut, die Kriminalität, den Drogenhandel und die Farc zu gewinnen. Doch Aufbruchstimmung ist zu spüren. Das Volk will Frieden, will an ein besseres Kolumbien glauben, das eines Tages durch positive Schlagzeilen auffällt.
Wohlbedachte ReiserouteAuf dem Weg zur KaribikküsteVoller Farben und LebenSädtebauliches JuwelMusik, Tanz, Leben – KarnevalGraswüste mit KakteenExotische Version der Voralpen